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Treibstoff
Theatertage Basel
2.—12.
September 2015

Durchblutungsfördernd

 

„CLAP.“ von :objective:spectacle: & L'OUTIL an den Treibstoff Theatertagen. Von Michael Beron (Text aus der Kritikerplattform)

 

Das ist mal ein „Bürgertheater“, das nicht nur sozialpädagogischen, sondern künstlerischen Wert besitzt! Hier werden nicht Laien in Rollen gezwängt, die sie nicht ausfüllen können, sondern die Bürger tun das, was sie können: Sie klatschen.

 

Wie der Titel schon sagt, geht es bei „Clap“ um Applaus - diese eigenartige Grenzerscheinung (nicht nur) des Theaters, ohne die kaum ein Bühnenabend auskommt, die so viel und so wenig bedeutet, so unerlässlich und dabei so unzugehörig ist. Und es geht um diejenigen, die ihn geben. Das ist hier zunächst eine quotengerecht ausschauende Gruppe von knapp zwanzig Baslerinnen und Baslern, die privat gekleidet, dem Publikum gegenüber im schwarz ausgehängten Bühnenraum des Roxy Birsfelden Platz nehmen. Gleich werden sie klatschen. Kann das den Abend tragen? Ja.

 

Es beginnt leise, horchend, mit einem sachten Zusammenfallen der Hände. Dann nimmt es Fahrt auf, schwillt an, ebbt ab. Kraft, Dringlichkeit, Rhythmus variieren. Bravorufe, Johlen mischt sich darunter, bricht daraus hervor und vergeht wie eine feine Gischt. Das Klatschen rückt hier vom Rand in die Mitte des Abends. Es ist nicht mehr nur Zeichen für etwas Anderes – verschwindet nicht hinter dem Beifall, den es bekundet – sondern bekommt Raum, versucht, sich von der Bedeutung, die es im Normalfall für Schauspieler, Regisseure, Zuschauer, Kritiker spielt, loszureißen und wird darin selbst zu etwas Materiellem.

 

Man könnte anlässlich von „Clap“ eine philosophische Debatte um Signifikat und Signifikant, strukturalistische und poststrukturalistische Zeichentheorie bemühen. Aber damit wäre wenig gewonnen. Dem Abend geht es vielmehr um die Erkundung unterschiedlicher Modi und Aggregatzustände des Applauses. Über geläufige Metaphoriken hinaus wird er im Plural zu etwas Lebendigem, das wässrig plätschert, klar und hell, Strudel bildet, mitreißt, verschluckt, ausspuckt. Es ist verblüffend: das ist Theater auf der Höhe der Zeit, auf der Basis einfachster, geradezu primitiver Mittel.

 

Das hat mit experimenteller Musik zu tun. Nicht umsonst haben die Künstler-Kollektive :objective:spectacle: und L'OUTIL für „Clap“ mit dem Komponisten Bryan Eubanks zusammen gearbeitet. Das ist aber auch ein theatrales, ja anthropologisches Experiment. Wir beobachten ein Ritual, bei dem Einzelne sich vorwagen oder zögern, demonstrativ oder in sich versunken, aufstehen, sich umsehen, versuchen die Begeisterung anzufeuern, sich mitreißen lassen oder verweigern. Auch das Kollektiv durchläuft unterschiedliche Aggregatzustände, gliedert sich, tastet sich vorwärts, wird körnig, verschmilzt, zerfällt wieder in einzelne Klatscher.

 

Die ansteckende Wirkung macht vor dem Publikum nicht halt. Einige klatschen mit, johlen zurück oder intervenieren mit eigenen Rhythmen. Zwei Damen in der ersten Reihe hält es kaum auf ihren Plätzen. Das bringt einen in die missliche Lage, mit den eigenen antrainierten Reflexen konfrontiert zu sein. Sind wir es nicht, denen der Jubel gilt? Sollen wir mitmachen? Warum klatsche ich nicht?

 

Antworten bekommt man nicht. Einmal verstummt der Applaus und eine Art Chorleiter, der vorher vom Rand aus ein wenig dirigiert hat, gibt Applaus-Anekdoten von Rom bis Stalin und von Wagner bis Fußball-WM zum Besten. Das soll die Ambivalenz von Ritual und Rausch beleuchten, kommt aber über das Niveau einer flüchtigen Google-Recherche leider kaum hinaus. So wirkt der Diskurs angeklatscht und stört eher, als dass er den Abend bereichert. Aus dem darauf folgenden Black und der anschließenden Stille entwickelt sich allerdings ein furioses Finale, an dessen Schluss die Performer, dem Publikum auf Armlänge nahegekommen, noch einmal alles geben – als hätten sie eine Wette auf ihr Leben abgeschlossen, dass sie das Publikum doch noch aus der Reserve locken, eins mit ihm und dem Applaus werden können. Die Wette verlieren sie. Zwar springt die Dame aus der ersten Reihe nun ekstatisch auf die Bühne. Andere dagegen verharren in Zuschauerposition - umso trotziger, scheint es, je stürmischer sie umworben werden. Das Happening linst um die Ecke, doch es findet nicht statt. Oder doch: Als der Applaus von der Bühne erstirbt und wir an der Reihe sind, hat sich etwas verändert.