Was ist Liebe und wenn ja wie viel?
"LOVEPIECE" von Anta Helena Recke/Julian Meding an den Treibstoff Theatertagen. Von Maria Isabel Hagen (Text aus der Kritikerplattform)
"Ich liebe dich." Keine Aussage ist zwiespältiger. Mit ihr verknüpfen sich Zukunftsversprechen, an ihr kleben uneingelöste Versprechen und kalkulierte Manipulationen. Und doch ist es ein Satz, der unter den richtigen Umständen aus zwei Einzelpersonen eine Gemeinschaft herstellen kann.
Die Liebe in ihrer Zwiespältigkeit kommt an den Treibstoff-Theatertagen in "LOVEPIECE" auf die Bühne: Da stehen stehen zwei Menschen, gemeinschaftlich darin vereint, den Abend zu bestreiten. Doch die beiden sind längst noch keine Liebes-Gemeinschaft, wie sie deutlich machen. Die zwei Performer*innen stellen sich mit Namen vor, Julian und Francine, die denen im Programmheft entsprechen, nur dass sie sie in Anführungszeichen setzen. So halten sie beinahe vertraglich fest, was die Grundabsprache einer Bühnensituation ist: Wir sind die Performer*innen, ihr seid das Publikum. Alles, was sie an diesem Abend tun und sagen, wird ebenfalls in Anführungszeichen gesetzt. So wird dieses "LOVEPIECE" in eine Art Laborsituation versetzt.
Die Ergebnisse zu Fragen nach der Gemeinsamkeit und der eigenen Verortung am Körper des Anderen werden als persönliche Alltagserfahrungen behauptet: Das hier, das ist Gemeinschaft. Das Bühnen-Liebes-Labor, in dem diese Erkenntnisse vorgestellt und getestet werden, ist mit zwei Hängematten ausgestattet. Schräg versetzt hängen sie in einem Metallgerüst; so weit voneinander entfernt, dass man sich, darin liegend, nicht einmal sehen kann.
Im Laufe der Vorstellung wechseln die Akteur*innen immer wieder vom Gerüst, den Hängematten oder einer liegenden Position am Boden zu einer frontalen Sprecherhaltung vor dem Publikum. Dann beklagt sich "Julian" als "Girly-Boy" darüber, immer als "exclusively gay" abgestempelt zu werden, und er berichtet, wie er es geschafft hat, seine Freundin dazu zu bewegen, bei ihm einzuziehen. "Francine" beschreibt dagegen, wie sie ihr polygamisch geprägtes Verständnis einer Beziehung bei ihren Partnern kompromisslos umsetzt. So tragen sie collagenartig ihre Ansichten über "Togetherness" zusammen. Worauf man achten sollte, wenn man einen der beiden datet, wird akribisch aufgelistet: "Julian" will keinen schnellen Sex, und "Francine" sich nicht für ihre One-Night-Stands entschuldigen.
So wird dem Publikum vorgespielt, was für die beiden Gemeinschaft bedeutet. Doch dabei wirken die Performer*innen seltsam fremd. Ihre Aussagen hängen oft kontextlos wie unbedeutende Feststellungen im Raum. Als beispielhafte Antagonisten verkörpern sie die Zwiespältigkeit einer Liebesgemeinschaft – und scheinen zur Nicht-Gemeinschaft bestimmt zu sein. Und dies, obwohl oder gerade weil sie "schwarz" und "weiß" sind, "emanzipiert" und "soft" aber dann wieder nicht "lesbisch" und "ganz schwul". Wenn hier eins der aufregendsten Themen der Zwischenmenschlichkeit verhandelt wird, bleiben die beiden doch bemerkenswert gelassen, geradezu unbeteiligt. Und machen klar: Aus Liebe geht eine Verbindung hervor, die nur unter bestimmten Bedingungen funktioniert.
So unterstreicht diese Performance letztlich die Isolation: Während "Julian" dem Publikum seine Probleme erklärt, lümmelt "Francine" desinteressiert am Boden. Dieses "LOVEPIECE" ist ein Stückchen von der Liebe, bei dem man sich fragt, was von ihr übrig bleibt, wenn es nicht zur Gemeinschaft kommt. Bleibt man, egal wie sehr man sich bemüht, doch alleine? Ein Einzelner in einer vorgegaukelten Utopie von Togetherness? Doch wo die beiden schon keine Gemeinschaft darstellen, entdecken oder bilden, bleibt ihnen dennoch der Flirt mit dem Publikum. Mit anzüglichen Blicken und bedeutungsschwangeren Pausen stellen die beiden Performer*innen den Zuschauern das Angebot einer Gemeinschafts in Aussicht.
Doch die schöne, toughe Frau und der sensible, rücksichtsvolle Mann bleiben utopische Figuren: Sie sind nicht von dieser Welt. Zudem ist die Überzahl der Konkurrent*innen im Publikum sehr groß. Die Liebes-Gemeinschaft ist unerreichbar, das Stück vom Glück bleibt aus.